Fahrbericht Triumph Thunderbird
Da kam diese Mail von Triumph bei uns eingetrudelt, ob wir nicht ein Triumphmodel testen wollten…
Ja, das machen wir doch gerne, antwortete ich, begeisterter Reiseenduro-Fahrer und Liebhaber von klassischen Naked-Bikes.
Ich schaute mir die Produktpalette an und entschied mit sofort für die Bonneville, um sie auf ihre Reise- und Alltagstauglichkeit zu prüfen.
Klassisch und puristisch - so mag ich’s. Reisen wie damals, so stellte ich mir meine Woche mit der Bonneville vor.
Also Mail zurück an Triumph mit meinem Fahrzeugwunsch…
Prompt kam die Antwort: Gerne stellen wir Ihnen ein Fahrzeug zur Verfügung…leider ist das gewünschte Model nicht frei, wir können Ihnen gerne eine Alternative anbieten:
Thunderbird
Thunderbird? America, Bonneville, Scrambler, Tiger, Sprint, Thruxton… die Produktpalette von Triumph hat sich dermaßen erweitert, dass es beim Donnervogel nicht gleich klingelte.
Also im Internet nachgeschaut:
1.600 cm² - 85 Pferde – 308 Kilo
Au weia!
Sind wir voreingenommen, mit Vorurteilen behaftet, ignorant… Natürlich nicht, Mail zurück: Ok, sehr gerne testen wir die Thunderbird!
Der Abholtag war da und los ging’s mit dem Zug nach Rosbach v.d. Höhe zum Triumph-Zentrallager.
Mit 289 Stundenkilometer donnerte der ICE Richtung Rosbach und 2 Stunden später stand ich in den heiligen Hallen von Triumph – welch Arbeitsplatz!
Da standen sie – wunderschöne Motorräder in Reih und Glied an der Wand aufgestellt. Mein Blick wanderte von einer zur anderen und dann sah ich sie - mittendrin:
rot, dick, Trittbretter, ein gewaltiger Motorblock, Ledertaschen, hohe Tourenscheibe, Sissy-Bar und viel, viel Chrom.
Ich sah mein Spiegelbild und traute meinen Augen nicht: im Chrom glitzernd erspähte ich mich, 20 Jahre gealtert, einen rüstigen Mittsechziger also, mit gepflegt gestutztem,
grauen Bart, Leder-Jeans-Jacke mit Fransen…
Der freundliche Triumph-Mitarbeiter riss mich aus meinen Träumen mit den Worten: Das ist sie, fährt wie ein normales Motorrad.
Ok, dachte ich und machte mich ans beladen der Fuhre. Mein Rucksack sollte in den smarten Lederkoffern verschwinden. Leider waren die zur Touring-Ausstattung
gehörenden Koffer gerade so groß, dass mein Fotoapparat und andere Kleinigkeiten darin Platz fanden und das in Plastiktüten, weil die Koffer nicht wasserdicht sein sollten.
Der Rucksack war schnell auf dem großen Gepäckträger verstaut und da dieser nicht mehr als 5 Kilo wog, stellte es auch kein Problem dar.
Nun kam der große Augenblick: Aufsitzen und cool, ohne Patzer, vom Triumphhof fahren.
Alles in allem sollten ja ca. 400 Kilo im lockeren Schwung um die Kurve aus dem Sichtbereich der Triumphexperten gebracht werden.
Starter gedrückt und sofort ertönte ein satter, vielversprechender Sound, der mich in beste Laune versetze. Bisschen Gas und los ging es.
Einmal in Bewegung, mutierte die Thunderbird zum leichtfüßigen Spätzchen und ließ mich ohne peinliche Unsicherheiten vom Hof verschwinden.
Nach ein paar Kilometern Landstraße saß ich vergnügt auf meinem Thrönchen und tuckerte gemach der Autobahn entgegen: Das ist also cruisen! Nicht schlecht!
Auf der Autobahn wurde ordentlich aufgedreht und das funktionierte richtig gut. Der Motor zog geschmeidig und vermittelte das Gefühl einer wohlerzogenen Urgewalt.
Auch der gute Ton des 1600 Kubik-Reihenzweizylinders blieb in jedem Drehzahlbereich genial. Bequem, laut und Power – das machte Spaß! Ich freute mich auf eine ausgiebige
Testwoche in und um Köln herum. Zu Hause angekommen war ich schon längst zum Cruiser mutiert und eine Einheit mit dem dicken Donnervogel geworden.
Meine Freundin kam neugierig auf die Straße gelaufen, vom Lärm angezogen. Mit großen Augen schaute sie ihren zufrieden grinsenden, immer mal wieder am Gas zupfenden Freund an und sagte nur: das ist doch nicht dein Ernst…
Mein Grinsen gefror und ich plapperte nur, „dass das ein tolles Motorrad ist, wenn man erstmal drauf sitzt und losfährt, hör doch mal den Sound“ etc…
Ich wusste nicht, ob es etwas mit dem Namen des Motorrads zu tun haben konnte, aber das Wetter verschlechterte sich über Nacht – thunder and lightning und Regen, Regen, Regen…
Auch die Temperaturen waren in den Keller gegangen, so dass an die geplanten ausgedehnten Touren nicht zu denken war. Das Alternativprogramm war erbärmlich.
Mit der Thunderbird kreuz und quer durch Köln-Sülz’s Sträßchen zum Schuster, zum Einkaufen, zum Markt. Deutlich war auch die Erkenntnis, dass die Thunderbird für den Alltag in Köln nicht geeignet ist. Ich träumte mehr als einmal vom Rückwärtsgang beim Rangieren.
Auch musste ich feststellen, dass man beim Abbiegen an der Kreuzung ordentlich ausholen muss.
Donnerstag gab es die erste längere Regenpause und ich lud meine nun doch neugierig gewordene Freundin zum Ausritt zum 10 km entfernten Spargelbauern ein.
Viel mehr wäre ohne Erfrierungen nicht möglich gewesen. Siehe da, meine Sozia war auch von ihrem Thrönchen angetan und sprach: mehr, mehr! Ich will mehr. Fahren. Häwelmann lässt grüßen!
Ok, also machten wir einen ersten 20 km Ausflug und waren nun schon 2 Thunderbird-Freunde.
Das Wochenende brachte endlich gutes Bikerwetter und es ging los in die Eifel – 250 km Cruisen, „Kurvenschwingen“, „im Cafe vorfahren“, das ganze Programm also.
Die Triumph-Thunderbird erwies sich auf der Tour als gutmütiges Motorrad, das die Lust auf gemütliches Fahren steigert. Natürlich drehte ich immer mal wieder am Gashahn, schon alleine des Sounds wegen!
Tatsächlich machte dieses Motorrad in dieser Woche aus einem leicht hektischen, zügig fahrenden Motorradfahrer, einen maßvoll tuckernden, „Ihr könnt mich mal alle“-Biker.
Trotz aller Gemütlichkeit und Gediegenheit, die die Thunderbird ausstrahlt, sind souveräne Überholmanöver und Kurvenfahrten kein Problem, im Gegenteil – sie bereiten großes Vergnügen. Aber alles mit großer Gelassenheit. Das Fahrwerk lässt keine Wünsche offen.
Gewöhnungsbedürftig waren die Bremsen. Man muss ordentlich zu packen, damit das Gefährt zum Stoppen kommt. Dazu sollte man große Hände haben, damit man den Bremshebel überhaupt in den Griff bekommt.
Sieht man mal von den undichten, zu kleinen Koffern ab, ist die Thunderbird eindeutig tourentauglich. Die Sitzposition ist genial und lädt zu großen Fahrten ein.
Der Tankinhalt von 22 Litern gibt keinen Anlass zur Kritik. Wenn man erstmal raus hat, wie die Triumph zu fahren ist, kommt man mit einer Tankfüllung ca. 350 km weit – man kann aber auch deutlich weniger schaffen…
Vibrationen sind, gerade bei schneller Fahrt, deutlich zu spüren, aber nicht unangenehm.
Die gewaltige Tourenscheibe erfüllt ihren Zweck und würde sogar ein Zigarettchen bei voller Fahrt ermöglichen.
Kettenfett kann man getrost zu Hause lassen, da dass das Bike von einem wartungsarmen Keilriemen angetrieben wird.
Alles in allem war ich nach anfänglicher Skepsis von diesem Motorrad sehr angetan.
Die Thunderbird ist ein toller Cruiser, mit genialem Sound, tollem Motor und einem Fahrwerk, das dem Motorrad trotz des amtlichen Gewichts eine unglaubliche Leichtigkeit verleiht.
Wer das nötige Kleingeld hat, ca. 18.000 EUR muss man für die Touring-Thunderbird hinblättern, wird sicherlich nicht enttäuscht.
Die technischen Daten findet Ihr hier.